Schöllkraut malen in Aquarell: Die Wildpflanze, die Spuren hinterlässt

Manche Pflanzen stehen jahrelang direkt vor uns. Am Kompost. Am Wegrand. In Gartenecken, die niemand besonders schön findet.

Und dann reicht ein einziger Moment, damit sie plötzlich nicht mehr nur Hintergrund-Grün sind.

Bei mir war es Schöllkraut.

Ich wollte eigentlich nur eine Rümpelecke im Garten freiräumen. Zwischen halbtotem Rhododendron, alten Waschbetonplatten und trockener Sommererde sollte Platz entstehen. Also riss ich heraus, was diesen Sommer nicht ohnehin schon vertrocknet war, brachte alles zum Kompost und ging danach Hände waschen.

Am Waschbecken sah ich sie, die goldgelben Flecken auf meinen Armen.

Mein erster Gedanke war: Aber ich hatte doch Handschuhe an.

Das Schöllkraut war natürlich höher als meine Handschuhe.

Und damit hatte diese Pflanze meine Aufmerksamkeit.

Später auf dem Papier wurde aus dieser Aufmerksamkeit kein rein sachliches Pflanzenporträt. Das Bild hat zwei Seiten bekommen.
 Oben die ordentliche, botanische Illustration — realistisch, ruhig, genau beobachtet. Unten bei den Wurzeln durfte das Aquarell tun, was Aquarell so gut kann, laufen, spielen, ineinanderfließen.

Genau dort treffen für mich Erdung und Zauber aufeinander.

Was ist Schöllkraut?

Schöllkraut (Chelidonium majus) gehört zu den Mohngewächsen. Es wächst oft an Stellen, die wir schnell übersehen, an Mauern, am Kompost, in schattigen Gartenecken und am Wegrand.

Auf den ersten Blick wirkt es wie eine dieser Pflanzen, die einfach da sind. Grün, kräftig, etwas wild. Aber sobald ein Stängel bricht, tritt dieser auffällige gelb-orange Milchsaft aus.

Zu leuchtend, um ihn zu ignorieren.

Schöllkraut ist schön, alltäglich und gleichzeitig nicht harmlos. Der Milchsaft wurde traditionell gegen Warzen verwendet. Gleichzeitig gilt Schöllkraut als giftig und kann die Haut reizen.

Genau diese Mischung macht es für mich interessant: Volkswissen, Vorsicht, Kindheitserinnerung und botanische Faszination liegen hier dicht beieinander.

Warum ich Schöllkraut malen wollte

Ich kenne Schöllkraut seit meiner Kindheit.

Damals wurde an sonnigen Sommerabenden ein Zweiglein abgebrochen und der goldene Milchsaft auf Warzen an Kinderfüßen getupft. Meine Mutter sagt: Es half.

Ich bin mir nicht ganz so sicher.

Und genau da bleibt das Schöllkraut für mich unangenehm interessant.

Einerseits gibt es Erfahrungswissen. Andererseits klinische Evidenz. Einerseits eine Kindheitserinnerung. Andererseits mein heutiger Wunsch, alles sauber einordnen zu können.

Ich hätte gerne eine eindeutige Antwort.

Aber vielleicht muss ich die gar nicht sofort haben.

Vielleicht darf ich zuerst hinsehen.

Ich male seit über zehn Jahren botanische Aquarelle. Und trotzdem habe ich Schöllkraut noch nie porträtiert. Wahrscheinlich ist kein Sommer vergangen, in dem ich nicht irgendwo daran vorbeigegangen bin.

Am Kompost. Am Wegrand. An irgendeiner Friedhofsmauer.

Es war immer da.

Und blieb trotzdem im Alltagsgrün.

Botanisches Malen beginnt mit Aufmerksamkeit

Für mich ist das eine der stillen Wirkungen botanischer Malerei: Sie hebt eine Pflanze aus dem Alltagsgrün heraus.

Bevor wir eine Pflanze malen können, müssen wir sie erst sehen.

Nicht als „Unkraut“. Nicht als „kenne ich schon“. Nicht als „wächst da halt“.

Sondern als Gegenüber.

Beim Schöllkraut heißt das: Ich sehe mir nicht nur die Blüten an. Ich beachte auch die Blätter, die Stängel, die Wuchsform, die kleinen Haare, die Bruchstellen und den Milchsaft.

Die Pflanze wird nicht interessanter, weil sie selten ist.

Sie wird interessanter, weil ich ihr Aufmerksamkeit gebe.

In meinem Schöllkraut-Bild zeigt sich diese Aufmerksamkeit zuerst in der botanischen Illustration. Die Pflanze darf erkennbar bleiben. Ihre Blätter, Blüten und Stängel sind nicht nur Anlass für Farbe, sondern wirklich beobachtete Formen.

Diese Genauigkeit ist für mich die Erdung.

Sie sagt: Schau hin. Diese Pflanze ist real. Sie wächst hier. Sie hat eine Form, eine Struktur, eine Familie, einen Namen.

Wo das Aquarell frei werden durfte

Beim Malen wollte ich nicht nur das klare Gelb der Blüten und die Form der Pflanze festhalten. Mich interessierte auch das, was sich nicht ordentlich einordnen lässt.

Bei den Wurzeln habe ich die Aquarellfarben deshalb Aquarellfarben sein lassen.

Statt die orangefarbenen Wurzeln rein realistisch auszumalen, habe ich meiner Fantasie und meiner Intuition Raum gegeben. Die Farben durften ineinanderlaufen. Sie durften spielen. Sie mussten nicht mehr jede Form erklären.

Dieser Teil des Bildes drückt für mich das Gefühl aus, das ich oft beim Beobachten von Blumen habe: Wunder. Zauber. Dieses schwer übersetzbare awe, wenn eine ganz gewöhnliche Pflanze plötzlich größer wirkt als ihr Name, ihre Merkmale oder ihre Nutzung.

Oben: botanische Ordnung.

Unten: fließende Farbe.

Oben: Erdung.

Unten: Zauber.

Und beides gehört für mich zusammen.

Schöllkraut in Aquarell malen: Mein Prozess

Im Video zeige ich Schöllkraut nicht als klassisches Schritt-für-Schritt-Tutorial, sondern als Feldnotiz in Aquarell.

Das bedeutet:

  • Ich beobachte die Pflanze zuerst.
  • Ich male die Pflanze realistisch genug, dass sie als Schöllkraut erkennbar bleibt.
  • Ich halte Besonderheiten fest: Blüten, Blätter, Wuchsform, orange Wurzeln.
  • Ich lasse die Aquarellfarben an den Wurzeln frei laufen.
  • Ich erlaube der Seite, eine Mischung aus botanischer Illustration, Intuition und Erinnerung zu werden.

Beim Malen merke ich: Ich brauche gar nicht die perfekte Pflanzenantwort.

Ich brauche zuerst Aufmerksamkeit.

Ich muss nicht entscheiden, ob Schöllkraut nun in die Schublade „Heilpflanze“, „Giftpflanze“, „Unkraut“ oder „Kindheitserinnerung“ gehört.

Vielleicht darf es all das gleichzeitig sein.

Eine Pflanze, die traditionell genutzt wurde.

Eine Pflanze, mit der ich vorsichtig umgehen sollte.

Eine Pflanze, die mich an Sommerabende erinnert.

Eine Pflanze, die meine Arme gelb markiert hat.

Und jetzt: eine Pflanze, die endlich ein Aquarellporträt bekommt.

Und dieses Porträt muss nicht nur ordentlich sein.

Es darf beides tragen: Die genaue Beobachtung und das Staunen. Die realistische Darstellung und den Farbraum, in dem etwas nicht mehr erklärt, sondern gespürt wird.

Video: Schöllkraut malen in Aquarell

Hier kannst du dir die ganze Feldnotiz als Video ansehen:

Material

Ich habe auf Bamboo Mixed Media Papier von Hahnemühle gemalt.

Verwendete Aquarellfarben:

  • Echtgelb Zitron PY3 (Lukas 1862)
  • Magenta PY122 (Lukas 1862)
  • Cyan PB15:3 (Lukas 1862)
  • Echt-Orange PO71 (Lukas 1862)
  • Kobaltblau PB28 (Lukas 1862)
  • Gummigutt PY153 (Lukas 1862)
  • Kobalt-Türkis PG50 (Lukas 1862)
  • Grüne Erde Veroneser PG26 (Lukas 1862)
  • Indanthrenblau PB60 (Rembrand)
  • Aurelion PY150 (Rembrand)
  • Azomethin Grün Gelb PY129 (Rembrand)
  • Chinachridon Gold PO48/PY150 (QUOR)
  • Chinachridon Orange PO48 (Rembrand)
  • Transparentoxidrot  PR101 (Rembrand)
  • Auengelb PY159/PV62 (Schmincke Horadam)
  • Auengrau PY159/PB74/PBk11 (Schmincke Horadam)

Aquarell vom Schöllkraut von Gesche Santen

Welche gewöhnliche Pflanze hast du übersehen?

Vielleicht braucht das Schöllkraut heute keine abschließende Antwort von mir.

Vielleicht darf ich erstmal beobachten, malen, staunen und abwarten.

Und vielleicht ist das genau der Grund, warum ich solche Feldnotizen in Aquarell malen will: Nicht, um jede Pflanze sofort vollständig zu erklären. Sondern um den gewöhnlichen Pflanzen genug Aufmerksamkeit zu geben, dass sie wieder sichtbar werden.

Manchmal braucht es dafür genaue Linien.

Manchmal braucht es Farbe, die einfach fließt.

Und manchmal entsteht genau dazwischen das, was mich am meisten interessiert: Erdung und Zauber auf demselben Blatt Papier.

Welche Allerweltspflanze wächst bei dir schon ewig irgendwo am Rand, ohne dass du sie wirklich beachtet hast?

Vielleicht ist genau das dein nächstes kleines Skizzenbuch-Motiv.

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